May-ling bei ihrer Rede vor dem US-Kongress am 18. Februar 1943

Im Krieg gegen Japan brauchte das Regime von Chiang Kai-shek Unterstützung aus dem Ausland. Chiangs Ehefrau May-ling bereiste die USA, um Finanzhilfen einzuwerben. Öffentlichkeit und Medien feierten die „Madame“ – der US-Präsident wollte sie am Ende nur noch loswerden.

Als der Zug an einem kühlen Februartag 1943 in den Bahnhof von Washington D.C einrollte, wartete Präsidentengattin Eleanor Roosevelt persönlich am Gleis. Aus dem Zug schwebte May-ling Soong, im Westen bekannt als „Madame Chiang“, Ehefrau des chinesischen Generals Chiang Kai-shek. Eleanor Roosevelt nahm die Madame beim Arm und spazierte mit ihr zum Eingang des Bahnhofs, wo US-Präsident Franklin D. Roosevelt im offiziellen Wagen auf sie wartete.

Madame Chiang war als offizielle Vertreterin Chinas in die USA gereist, um bei der amerikanischen Regierung um Kriegshilfen im Kampf gegen Japan zu werben. Es war eine Begrüßung ganz nach May-lings Geschmack. Ihrer Collegefreundin Emma Wells hatte sie zuvor geschrieben, sie habe beinahe Angst von der Sympathie und dem Wohlwollen der Amerikaner: „All die Freunde die ich habe, Tausende Menschen die Briefe geschrieben und Geld geschickt haben, und Hunderte von Zeitungsleuten und einflussreiche Menschen die entweder mit mir sprechen wollen würden oder die wollten, dass ich vor ihnen spreche, würden mich innerhalb weniger Stunden nach meiner Ankunft überwältigen.“

Sie sollte Recht behalten: Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor erreichte die Sympathie der Amerikaner für die Chinesen ganz neue Höhen. Denn China lag bereits seit 1937 mit Japan im Krieg. Das Chiang-Regime verstand es, sich dabei als einsamer Kämpfer zu inszenieren: May-ling reiste als Vertreterin einer gebeutelten Nation in die USA. Eine zierliche Frau, hübsch, in dem für sie typischen Dress mit hohem Kragen und geschlitztem Bein, mit perfektem Englisch und Kenntnis der amerikanischen Kultur. Es war eine entwaffnende Kombination. “Sie war in der Lage, der amerikanischen Öffentlichkeit ihre beste Seite zu zeigen, ihr Verständnis zu gewinnen und die amerikanische Regierung zu überzeugen die Finanzhilfen zu verdoppelt. Die Reise war ein Triumph“ schreibt Jung Chang in ihrem Buch „Die Drei Schwestern“.

May-ling wusste, wie sie Eindruck machen konnte. Als Neunjährige war May-ling 1908 in die USA gekommen, um dort eine höhere Bildung zu erhalten. Zehn Jahre blieb sie in den Vereinigten Staaten, bei ihrer Rückkehr nach China beherrschte sie die Sprache und Kultur des Landes perfekt – eine Bildung, die ihr zeitlebens von Nutzen war. Dank ihrer Weltgewandtheit wickelte sie an der Seite von General Chiang Kai-shek internationale Politiker und Militärs um den Finger. Ihre Tour durch die USA sollte keine Ausnahme sein.

First Lady Eleanor Roosevelt mit Madame Chiang vor dem Wei0en Haus

Dabei war es eine Überraschung, dass May-ling den Strapazen ihrer Tour so gut gewachsen war. Drei Monate zuvor hatte man sie in China auf einer Bahre in ein Flugzeug getragen, um sie nach Amerika zu fliegen. Die Madame war ein nervöses Wrack: Nicht nur der Krieg gegen Japan setzte ihr zu, auch das Privatleben: Ehemann Chiang hatte sich eine Mätresse genommen. Gerüchte über die Ehekrise mit dem Generalissimo schwirrten in der chinesischen Öffentlichkeit, wie ein amerikanischer Beobachter dem US State Department schrieb: „Die Madame bezeichnet den Generalissimo nur noch als „diesen Mann“. Die Madame beschwert sich, dass der Generalissimo sein Gebiss nur noch einsetzt, wenn er zu “dieser Frau” geht”

In New York angekommen, checkte May-ling für einen mehrwöchigen Aufenthalt im Presbyterian Hospital ein. Die 45-Jährige brauchte eine Rundumbehandlung: Ihre Wirbelsäule und ihre Rippen bereiteten ihr nach einem Autounfall permanent Schmerzen. Sie litt unter Sinusitis, ließ sich ihre Weisheitszähne entfernen und bekam Heilbehandlungen für chronische Hautausschläge. Die Rechnung für den mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und die umfangreichen Behandlungen übernahm zu großen Teilen ihre älteste Schwester Ei-ling – das Geld dafür hatte Ei-ling aus der chinesischen Staatskasse unterschlagen.

Nachdem sie von amerikanischen Ärzten hochgepäppelt worden war, siedelte May-ling erst in Franklin Roosevelts persönlichen Rückzugsort Hill Top Cottage im New Yorker Hyde Park, im Februar 1943 dann als Ehrengast ins Weiße Haus nach Washington über.

Am 18. Februar sprach sie als erste Vertreterin Chinas vor dem US-Kongress. Die US-Zeitung Newsweek schrieb enthusiastisch über den hinreißenden Effekt der Madame mit ihrem bodenlangen schwarzen Kleid, „der Rock beinahe bis zum Nacken geschlitzt“, ihren rot lackierten Fingernägel und ihren „frivol hochhackigen Slippern“.

Nicht nur die Optik, auch ihre Rede hatte May-ling perfektioniert. „Die 160 Jahre währende traditionelle Freundschaft zwischen unseren beiden großartigen Völkern wurde nie von Missverständnissen befleckt und ist unübertroffen in den Annalen der Welt“, sprach sie zu den anwesenden Abgeordneten. Geschickt beschrieb sie, wie die USA Japan als überlegene militärische Kraft ansahen und China bei Kriegsausbruch 1937 nicht den Hauch einer Chance gaben. Als China den Japanern widerstand, habe der Westen behauptet die Japaner überschätzt zu haben. Nun, nach dem Angriff der Japaner auf den US-Stützpunkt in Pearl Harbour, habe das Pendel wieder umgeschlagen. „Lassen Sie uns nicht vergessen, dass während der ersten fünfeinhalb Jahre der totalen Aggression China die sadistische Wut Japans allein und ohne Hilfe aushalten musste.“ Am Ende ihrer Rede hatte mancher Kongressabgeordnete Tränen in den Augen. May-ling bekam eine vierminütige Standing Ovation.

Doch hinter den Kulissen begann die Stimmung zu bröckeln. May-lings Eigenheiten führten beim Personal im Weißen Haus erst zu hochgezogenen Augenbrauen, später zu genervtem Augenrollen. Die Madame ließ ihre Bettwäsche wechseln, wenn sie eine Mittagsruhe gehalten oder sich auf das Bett gesetzt hatte; bis zu fünfmal täglich. Wegen ihrer Hautprobleme schlief sie nur in Seidenbettwäsche – immerhin hatte sie ihre eigenen mitgebracht. Statt nach dem Personal zu klingeln, klatschte sie nach chinesischer Manier in die Hände. Sie ließ das Essen selbst für ihre Begleiter auf dem Zimmer servieren.

Bei einem Dinner mit seiner Frau Eleanor und einigen Gästen fragte der Präsident May-ling, wie ihr Ehemann Chiang mit den streikenden Arbeitern einer Kohlemine umgehen würde. May-ling fuhr mit einem ihrer perfekt lackierten Fingernägel quer über ihre Kehle. Die Anwesenden zogen erschrocken die Luft ein, Roosevelt lachte hohl. Eleanor Roosevelt sagte einem Vertrauten später: „Sie kann wunderschön über die Demokratie reden, aber sie weiß nicht wie man eine Demokratie lebt.”

Als sie schließlich auch noch von US-Beamten verlangte, ein Schiff im Hafen von New York sofort zu entladen, weil es ihre Lieblingssorte Mentholzigaretten an Bord hatte, war es genug. US-Finanzminister Henry Morgenthau vertraute seinen Angestellten an: „Der Präsident kann es nicht erwarten, sie aus dem Land zu kriegen.“

In der Öffentlichkeit hielt der schöne Schein indes weiter. Das Time Magazine erschien am 1. März 1943 mit May-ling auf dem Cover. Einen Tag später sprach sie vor 15.000 Menschen im Madison Square Garden. US-Verleger Henry Luce, der May-ling und Chiang seit Jahren kannte und dem Herrscher-Ehepaar gut gestimmt war, sang in seinen Medien landesweit ein Loblied auf die Madame: Life berichtete, wie die riesige Menge in New York vor Zustimmung und Jubel nur so tobte.

Marlene Dietrich begrüßt Madame Chiang in Los Angeles

Ende März 1943 richtete Luce für May-ling ein Bankett im Ambassador Hotel in Los Angeles aus. Dort wurde die Madame feierlich von einem Komitee empfangen, bestehend aus dem kalifornischen Gouverneur, dem Bürgermeister von LA und Schauspielgrößen wie Rita Hayworth, Marlene Dietrich und Ingrid Bergman. Das Los Angeles Philharmonic Orchestra führte den eigenes komponierten „Madame Chiang Kai-shek March“ auf. Anschließend sprach May-ling in der Rose Bowl in Los Angeles vor 30.000 Menschen, wo sie sich einmal mehr als Racheengel der Chinesen im Kampf gegen Japan inszenierte.

Als sie im Juli 1943 nach China zurückkehrte, hatte sie US-Finanzhilfen gesichert und die amerikanische Öffentlichkeit in ihren Bann gezogen. Die Stimmung der US-Präsidenten gegenüber dem Ehepaar Chiang und den Soongs verdüsterte sich weiter, als in den Jahren nach May-lings Besuch deutlich wurde, dass viele US-Gelder von ihrer Familie veruntreut wurden. Die älteste Soong-Schwester Ei-ling machte mit Insiderhandel und Unterschlagung ein Vermögen. Roosevelts Nachfolger Harry S. Truman schimpfte: „Sie sind alle Diebe, jeder einzelne von ihnen.“


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